Platte meines Lebens

Petruschka und Der Feuervogel

Petruschka und Der Feuervogel

DIE ZEIT hatte die schöne Idee, eine Kolumne namens »Platte meines Lebens« ins Leben zu rufen. Diese erscheint im wöchentlichen Turnus online und in der Druckausgabe. Dort ist Interessantes zu lesen. Da ich auch sowas in meinem Regal stehen habe, hier nun meine Superplatte.

Damals, irgendwann Mitte der 80er, war ich bereits großer Musikfan und ich spielte sogar ein Instrument. Mit Klassischer Musik aber hatte ich nichts am Hut. Ich hörte Rock & Pop. Die üblichen Vorurteile eines Jugendlichen der ohne Einfluß und klassischen Musikhintergrund aufgewachsten ist, sorgten für den notwendigen Abstand. Ich fand Klassik fade, zu seriös, unsexy. Etwas für Spießer. Die Beatles waren schon als Kind meine Helden, etwas später dann Pink Floyd, Manfred Mann, Deep Purple und um 1980 entdeckte ich den Hardrock mit AC/DC. Letztere allerdings nur mit ihrem alten Sänger Bon Scott, der um diese Zeit gerade gestorben ist. Etwas später dann auch schon ein bischen Jazz mit Miles Davis & Co. Irgendwann kam Grenzgänger Zappa auf die Ohren und ich war erstmal eine Zeit lang beschäftigt? Klassik? Nö.

Eines Tages sah ich im Fernsehen flüchtig einen Auschnitt aus einer Kindersendung. Dort wurde gerade bildhaft versucht, ein Stückchen klassische Musik an Kinder zu vermitteln. Ein als Bär verkleideter Mensch machte irgendwas zu irgendetwas. Mehr weiss ich nicht mehr. Die Musik dazu erweckte aber mein Interesse. Sie klang gar nicht so spröde und langweilig. Es war die Balletmusik zu Petruschka von Igor Strawinsky. Es handelte sich um die Szene »Der Bauer und der Bär«.

Es gab um diese Zeit noch einen 2001-Laden in Saarbrücken. Dort gab es genau eine Strawinsky-Platte. »Petruschka – der Feuervogel – Suiten«, mit dem Chicago Symphonie Orchester, dirigiert von Carol Maria Guilini.

Auf Kopfhörern zog ich mir die Platte rein und war völlig weg. Ein neues Universum tat sich auf: bunt, rhythmisch, fetzig, traumhaft, melodisch, abgedreht. Experssionismus. Ich war so um die 18 und sowas hatte ich bis dato nicht gekannt und auch nicht für möglich gehalten. Es war die richtige Mischung. Also nix da mit verstockten Klassikfritzen.

Der Grundstein war gelegt, ich hatte diese Basis und ich kämpfte mich weiter: in der Zeitachse vor und zurück. Richtung Bach, Richtung Avantgarde. Insbesondere Komponisten die älter als Strawinsky waren, klangen für mich immer noch etwas nach alten Vorurteilen und so dauerte es seine Zeit bis ich bei Bach oder Mozart angelangt war. Ich sog im Laufe der Jahre alles in mich auf, alle Epochen und alle Genres. Zum Teil war es richtige Arbeit … manches musste ich mir richtig aufzwingen, bis es irgendwann endlich »klick« machete.

Den Rest jenes Jahrzehntest und Anfang der 90er war ich dann ziemlich beschäftigt und verfolgte die aktuelle Popmusik schon gar nicht mehr. Dies aber änderte sich, als plötzlich Mitte der 90er neue Stile aufkamen: TripHop, Drum & Bass, ChillOut, Lounge, etc. Das war erfrischend, niveauvoll, neu und spannend. Meine Lieblinge wurden Coldcut, Massive Attack und Portishead – – – doch das liegt bereits 15 Jahre zurück … Gipfel dieser Bewegung war die Doppel-LP »The K&D Sessions« von Kruder Dorfmeister 1998. Interessant war noch die Entwicklung des Ambient / Clicks & Cuts um die Jahrtausendwende; insbesondere der Musiker Vladislav Delay.

Nun ist die Situation so: Ich höre Klassik, Jazz und etwas Elektro. Rock/Pop, bzw. AC/DC, Die Beatles oder auch die späteren Sachen aus den 90ern sind zwar nicht tot, aber selten gehört. Vielleicht noch in feuchter Runde ab 22 Uhr aufwärts. Was die aktuellen Charts aber betrifft, wenn ich sie denn mal zufällig höre, bzw. hören muss, sagen mir nichts mehr, es sei denn, ich erkenne wie so oft in letzter Zeit, dass es sich bloß um ein Remake eines alten Hits handelt, welcher aber als neu verkauft wird.

Spätestens dann wünsche ich mir wieder eine neue »Platte meines Lebens«. Die Platte, die mich vielleicht sogar zurück zur aktuellen Rock/Popmusik bringt. Aber ich denke, so schnell gibt es diese nicht – und bis dahin lege ich mir immer mal wieder Petruschka auf den Teller.

Info:

Platte meines Lebens

Igor Strawinsky – Petruschka (Schlussszene)


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2 Kommentare Kommentar schreiben

  1. JuLo #

    Hui… hab ich jetzt nach dem Lesen des Artikels noch ne Gänsehaut. Ging mir ähnlich mit der Klassik, obwohl meine Eltern da schon immer sehr darauf bedacht waren mir solche Dinge näher zu bringen.
    Deswegen hab ich da, glaube ich, auch nicht so ein “Schlüsselerlebnis” wie du.
    An Klassik muss man sich wirklich reinARBEITEN. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber Klassik kann einfach gefühle transportieren wie es heutige Musik eigentlich nur noch sehr selten schafft.
    Auch diese ganze Remakes von “Guter alter Musik” sind nicht so ganz das Wahre. meistens sind die Originale doch besser. Nur leider kennt die kaum ein junger Mensch mehr… Schade drum!!

  2. Hallo JuLo,

    danke für den Kommentar. Ich dachte schon, mit dieser Thematik etwas »out of space« zu sein.
    Ja, manchmal ist es sowas wie Arbeit. Das wichtigste von allem aber ist, sich immer wieder von seinen Vorurteilen zu befreien. So ging es mir nun vor gar nicht all zu langer Zeit mit Richard Wagner, den ich dis dahin immer abgelehnt hatte … Für mich DIE »Entdeckung« der letzten Jahre! Arbeit macht er einem ja ohnehin. ;-)

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