Erich Wolfgang Korngold. Noch nie gehört? Macht nichts, leider! Ich kannte diesen Komponisten bis dato auch nicht. Leider. Ein Zufall brachte mich zu seiner Musik, welche im weitesten Sinne dem Fin de siècle zuzuordnen wäre. Korngold fing als Wunderkind an, und wurde gar als »Nachfolger Mozarts« gehandelt. Seine Opern die er bereits mit 2o schrieb, waren, neben denen von Richard Strauss, die am meist gespielten auf deutschen Bühnen zu jener Zeit. Auch an der Met in New York gab es bereits Inszenierungen. Man erwartete ein musikalisches Inferno für das kommende Jahrhundert, doch es blieb aus.
Die Musik ist voller Meisterschaft und dennoch heute quasi vergessen. Das ist nicht gerecht aber vielleicht auch ein bischen hausgemacht. Korngold emigrierte nach dem Anschluß Österreichs in die USA und machte dort zum zweiten Mal Weltkarriere: als Komponist von Filmmusik. Als er sich ab den 40ern wieder daran machte, absolute Musik zu schreiben, war er nicht mehr ganz en vogue und niemand mehr schenkte ihm Beachtung. Ein Talent, welches ein Land nur wenige in einem Jahrhundert hervorbringt, endete verbittert in Hollywood.
Im Auto höre ich meistens SR 2 Kulturradio und dort lief eines Morgens eine Arie aus Korngolds Oper Die Kathrin. Eine herzzerreißende Nummer, die selbst mir, dessen Schmelzgrenze schnell erreicht ist, aufs rührigste gefiel. Ich kaufte mir sogleich im iTunes-Store diese Arie, Ich soll ihn niemals, niemals mehr sehn und war begeistert. Eine Melodik die sich sofort ins Gehirn frisst. Nun denn, Melodien schreiben kann jeder, aber was ich darüber hinaus hörte, war das nicht irgend jemand. Insbesondere fielen die harmonischen Rafinessen und Orchestrierungskünste aus dem Rahmen, gerade dann, wenn nämlich nicht gesungen wurde. Es klang wie eine Mischung aus Mahler, Richard Strauss, italienische Oper und insbesondere Schostakowitsch. Seltsam, wer war das?
Ich las mir ein bischen im Internet zusammen und legte mir ein paar Werke zu. Fürs erste kann ich empfehlen: Die Sinfonie in Fis-Dur, das Violin- und das Cellokonzert. Alles erst nach dem zweiten Weltkrieg entstanden. Grandios! Den ca. 18 minütigen 3ten Satz seiner Sinfonie muss man gehört haben. Ein Kleinod an Klangkunst im Erbe Gustav Mahlers. Es gibt auch Einspielungen von großen Namen der Klassikszene. Sein Violinkonzert etwa, wird von Anne-Sophie Mutter interpretiert. Momentan bin ich an seiner damaligen Erfolgsoper Die tote Stadt. Gar so viel Werke gibt es nicht. Das ist schade.
Aus Die Kathrin: Ich soll ihn niemals, niemals mehr sehn, mit Renée Fleming
Weiltläufig bekannter ist Korngold, insbesondere in Amerika, vor allem durch seine Filmusiken. Darunter The Sea Hawk, The Sea Wolf, und Robin Hood. Es gab dafür einige Oskars. Solches Niveau gab es bis dato in den Fimmusikpartituren noch nicht und Korngold setzte bis heute Maßstäbe für dieses Genre. Diese Musik ist wirklich gut gemacht, aber für die Geschichtsbücher ist das nun mal zu wenig. So rauft man sich die Haare und fragt sich, warum Korngold so unpfleglich mit seinem Talent umgegangen ist, wenn man das so sagen darf. Nichts gegen Filmmusik, das taten Schostakowitsch, Alfred Schnittke und andere ebenso, aber sie vergaßen nie ihre »Berufung«.
Nachdem Korngold die Filmmusik wieder beiseite gelegt hatte, entstanden noch einige Werke, doch er sollte keine Anerkennung mehr finden. Er wurde als Eklektiker und Epigone abgestempelt, obgleich es nicht viel bedurft hätte, seinen (immer noch harmonischen) Stil gegen die aufkommenden »Donaueschinger« zu schärfen. Auch dies tat Schostakowitsch, der ja ebenso die tonalen Bezüge nie verlassen hatte, zudem er noch mit »Auflagen« des Stalin-Regimes tu kämpfen hatte. Wie dem auch sei, übrig bleiben ein paar Frühwerke und seine »unzeitgemäße« Nachkriegskompositionen. Dennoch tut es keinen Abbruch, seine Musik zu hören. Im Gegenteil; er bereichert diese Epoche und es wäre für ihn aller höchste Zeit, wieder auf den Spielplänen für Konzert und Bühne zu landen. Wozu denn ist es wichtig, in welcher Zeit diese Musik geschrieben wurde?
