… oder man könnte auch sagen »Klassik für Einsteiger«, wenn das nun folgende Stück Musik vorgestellt wird.
Eigentlich, sofern man nicht prinzipiell ein Problem mit klassischer Musik hat, oder sonstigen Dogmen erlegen ist, müsste diese Musik jedem gefallen. Sie ist für anspruchsvolle Ohren ebenso geeignet wie sie auch jederman sofort ins Ohr geht. Der Beatles-Effekt quasi. Mozart beschrieb dies einmal in einem Brief an seinen Vater sehr treffend: […] die Concerten [Klavierkonzerte] sind eben das Mittelding zwischen zu schwer, und zu leicht – sind sehr Brillant – angenehm in die ohren – Natürlich, ohne in das leere zu fallen – hie und da – können auch kenner allein satisfaction erhalten – doch so – daß die nicht=kenner damit zufrieden seyn müssen, ohne zu wissen warum.[…]
Brief Mozarts an seinen Vater vom 28.12.1782.
Auch an dieser Stelle geht es nun um ein Klavierkonzert. Speziell um den 2. Satz (Andante) des 3sätzigen Klavierkonzert N° 2 in F-Dur op.102 von Dmitri Schostakowitsch.
Das ganze Konzert, wie auch sein Vorläufer von 1933, ist in einem recht lockeren Stil geschrieben. Das Orchester ist fast kammermusikartig besetzt und der Grundklang lehnt sich mehr an seine Filmmusiken, als an seine Symphonien an. Luftig spritzige Musik also und diesbezüglich nicht mit seinen Violin- oder Cellokonzerten zu vergleichen.
Der zweite Satz ist ein typischer Mittelsatz, ein kleines Andante. Gar nicht mal unähnlich dem lyrischen Habitus von Mozarts Vorläufern, nur eben zeitlos moderner und sehr viel melancholischer. Doch es ist eine für Schostakowitsch eher untypische Melancholie. Hell, luftig kommt sie daher – nicht wie sonst so unendlich leer, traurig und resignativ, sondern mehr im fast kitschigen Sinne, passend zu Gedanken an eine vergangene, traurig-schöne Geschichte. Der Sound dieser Musik ist so modern, er könnte für einen aktuellen Kino(Liebes-)film die Titelmusik liefern – und es würde sicherlich ein Hit werden.
Das Andante steht im Dreivierteltakt. Das Orchester beginnt mit einer Melodie der Celli in C-Moll, macht ein paar modale Rückungen, schweift kurz nach D-Dur ab, bleibt aber im ganzen in der Grundtonart bis in Takt 30 plötzlich das Klavier mit einem zarten C-Dur auf der großen Terz (e”’) einsetzt. Vorbereitet, wenn überhaupt, wurde der abrupte Sprung ins gleichnamige Dur allenfalls durch das Weglassen der Moll-Terz ein paar Takte zuvor. Ein triolisches Thema wird vorgestellt. Triolen gegen Achtel erzeugen ein leichtes Spannungsfeld. Nach einem kurzen Orchesterzwischenspiel wird wieder nach Moll moduliert wobei das Klavier eine Art zweites Thma intoniert. Auch hier spielen wieder Triolen gegen gerade Achtel an; letztere kommen als Sextparallelen in guter Unterhaltungsmusik-Tradition daher. Trotzdem wird es niemals kitschig. Abermals erfolgt eine einfache chromatische Aufwärtsbewegung und das Anfangsthema erklingt diesmal in Moll; wie in einer echten Reprise. Die Coda, wenn man sie so nennen kann, ist ein auslaufendes Dahinplätschern mit Tonrepetitionen, welche attacca in den spritzigen Schlußsatz überleiten.
Das Konzert schrieb Schostakowitsch für seinen Sohn Maxim, welcher es am 10. Mai 1957 uraufführte. Eine kleine familiäre Begebenheit hat Schostakowitsch in den Schlußsatz eingebaut. Dort zitiert er Fingerübungen aus den berühmt-berüchtigten Hanon-Etüden. Dies sei der einzige Weg gewesen, so Schostakowitsch, seinen Sohn diese Übungen zum spielen zu bringen.
Wir hören hier nun jenes Andante, gespielt von Schostakowitschs Enkel Dmitri Maximowitsch Schostakowitsch. Das Orchester leitet sein Vater Maxim für welchen das Konzert einst komponiert wurde. Eine schöne Analogie, wenn auch für meinen Geschmack etwas zu schnell gespielt.
Empfehlen kann ich bis dato leider nur eine einzige Einspielung. Sie trifft die zarte Melancholie am besten: Leonard Bernstein mit dem New York Philharmonic Orchestra. [CBS 60504]
